The World According to Dave www.toDave.de

  Startseite
    | China 2011
    | Alltäglich
    | China 2009
    | China 2008
    | China 2007
    | China 2006
    | China 2005
    | Afrika 2008
  Über...
  Archiv
  BUCH zum BLOG
  Landkarte China
  Bildlich

The World According to Dave www.toDave.de

http://myblog.de/todave

Gratis bloggen bei
myblog.de





Wer nicht schreiben will muss singen!

Wie so viele wichtige Amtswege in Shanghai, ist auch der Trimm-dich-Pfad fürs Umschreiben eines europäischen Führerscheins weitab vom Stadtzentrum angelegt. Statt Richtung Westen nach Hongqiao (wie für die medizinischen Tests für die Aufenthaltsgenehmigung) oder Richtung Osten nach Pudong (für Visaangelegenheiten) muss man für den Führerschein Richtung Süden nach Minhang. (Ich bin schon gespannt, welche unbekannten Abenteuer mich im Norden erwarten werden!)

Bis auf die geografische Entfernung sind die Formalitäten einfach. Pass mit gültigem Visum, Führerschein und eine von der offiziellen Übersetzergesellschaft in der Nanjing Road ausgestellte chinesische Übersetzung sind neben Geldscheinen die einzigen Papiere, die benötigt werden.

Damit sind wir in der Mittagspause mit dem Taxi-Bora-Bohrer 56 Yuan weit gerast, sind in Gebäude 8 einmarschiert wie die Kolonialherren und haben uns von einem freundlichen Beamten in Uniform die genauen Schritte erklären lassen. Weiter ging es mit einem kurzen Sprint ins Gebäude 12. Am ersten Schalter Papiere kopieren für 1 Kuai pro Seite. Nächster Schalter 40 Klumpen für ein Set Fotos und ein vorgedrucktes Antragsformular.

Mit dem Zahlungsbeleg und dem Formular stürmten wir zum Fotografen für einen hübschen Schnappschuss unserer Edelvisagen und für einen weiteren Beleg, mit dem wir bereits 10 Sekunden später mit kühnem Schwung beim Kopierschalter unsere frischentwickelten Fotos abholen konnten.

Gut ausgerüstet spurteten wir beim Hinterausgang hinaus und kratzten ums Eck zum Medi-Check. Am Schalter fühlten wir uns gleich einmal jeder 60 Volksklumpen leichter und hatten den Arm voll weiterer Formulare. Ausfüllen und Fotos draufkleben lautete die knappe Anweisung der Dame mittleren Alters hinterm Tresen.

Nachdem wir in Windeseile unsere Fotobögen zugeschnitten und mit dem bereitstehenden Leim verklebt hatten und ich zwei Minuten entgeistert auf die drei Seiten Formulare in Amtschinesisch gestarrt hatte, entschied ich, mir nicht sicher zu sein, wie und was ich wo einzufüllen hatte und bat die Tante hinterm Schalter um Hilfe.

„Hier, hier und hier, füll einfach deinen Namen und deine Adresse usw. ein! Kannst doch Chinesisch schreiben, oder?“ – „Ja, schon, aber…“ – „Was, aber?“ – „Ich bin mir immer noch nicht so ganz sicher, was wir alles ausfüllen und ankreuzen müssen und was nicht!“ Da sah sie mich schelmisch über den Brillenrand an und meinte: „Weißt du was? Du singst mir jetzt einfach was Schönes auf Chinesisch vor und ich füll euch beiden dafür in der Zwischenzeit die Formulare aus!“

Tja, manchmal muss man eben in den sauren Apfel beißen und den Leuten einen Gefallen tun, wenn es schnell gehen soll, und so stand ich am Schalter und intonierte inbrünstig eine Strophe von „Tonghua“, während die Tante flugs unsere Formale bearbeitete und mein deutscher Kollege „Bürohann“ und die umstehenden Leute amüsiert zuschauten. Und – kaum zu glauben - ich fühlte mich nicht im mindesten lächerlich bei dieser ganzen Aktion!

Von meiner Pflicht wurde ich sowieso nach zwei Versen erlöst, weil ich vor lachen den Ton nicht mehr halten konnte. „Sing weiter, sonst hör ich auf zu schreiben!“ rief die Dame fröhlich, fuhr dann aber doch grinsend fort, unsere Daten einzufüllen.

Man stelle sich diese Situation in Österreich vor. Und zwar nicht in der Magistratsabteilung 2412 sondern in der Führerscheinabteilung der Bezirkshauptmannschaft Feldkirch – und um die Sache nicht unnötig in falsche Denkrichtungen zu lenken: ohne sich den Antragssteller als Ausländer auszumalen. Die Reaktionen reichten vermutlich von simpler Entrüstung über diese „Schikane“ bis hin zur umgehenden Einweisung in die Landesnervenheilanstalt.

Aber hey, willkommen in China, wo Behördengänge noch Spaß machen! Die Sache kostete mich ein verdutztes Lächeln und ein einfaches Schulterzucken. Wenn man in China gebeten wird zu singen, dann tut man das verdammt noch mal auch! Gibt ja sonst nichts zu lachen den ganzen Tag. Außerdem endlich wieder einmal eine gute Story; wurde langsam öde im Yangzi-Delta!

Im Anschluss bedankten wir uns artig und flüchteten hurtig zum medizinischen Stationsbetrieb nebenan. Blutdruck und Körperhöhe messen im ersten Zimmer, Verblendung testen im zweiten und Taubheit bescheinigen im dritten. Alle Papiere und Stempel gesammelt legten wir los zum Endspurt zurück ins Gebäude 8. Dort wurden unsere Formulare, Stempel, Kopien und Originale noch einmal sorgfältig inspiziert und dann abgesegnet.

Schlussendlich bekamen wir einen Termin für die obligatorische theoretische Computerprüfung eine Woche später und einen Katalog mit den 100 Fragen zum Üben. Eine praktische Prüfung ist nicht nötig, da mein rosa Lappen schon älter als drei Jahre ist und mir daher die notwendige Erfahrung bescheinigt wird. Wer heutzutage noch ein speckiges, rosarotes Schnitzel als Führerschein besitzt gehört sowieso zur ersten Generation Kraftfahrer.

Ja, liebe Freunde der Blasmusik, so schnell und problemlos kann es manchmal gehen diesseits des Großen Gemäuers: zwei Stunden (Fahrzeit nach Minhang und zurück inklusive) und ohne nennenswerte Schikanen!
26.11.08 14:23
 



Verantwortlich für die Inhalte ist der Autor. Dein kostenloses Blog bei myblog.de! Datenschutzerklärung
Werbung