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Ein kleines Weihnachtswunder

Morgens auf dem Weg zur Arbeit mach ich immer noch kurz halt beim Brotstand in meiner U-Bahnstation. Das ist zwar nicht wirklich Brot in unserem Sinne, aber fuer nur 34 Cent den nuechternen Magen mit sanften Gummibroetchen beruhigen zu koennen ist Trost genug.

So auch an diesem Freitag. Kurzer Boxenstopp bevor man sich an die elektronische Ticketkontrolle begibt. Denn wenn man das Portemonnaie schon mal rausgezogen hat, kann man auch ein bisschen Geld zuecken. Es folgt der gewohnte Griff ins hintere Eck des Regals, eine schwungvolle 90-Grad-Drehung und der Sturm auf die Kasse. Und da musste ich heute stutzen.

Aeh? Da hat sich doch nicht etwa eine Schlange gebildet? Hat sich da eine Reihe gebildet? Ich glaub ich muss es noch einmal versuchen: Stehen die Leute da etwa an? In einer Reihe? Tatsaechlich! Und zwar nicht einfach so hingereihert wie sonst, sondern hintereinander, wie eine Perlenkette.

Also das hat mich schwer beeindruckt. Denn das anstaendige Anstehen laeuft der chinesischen Natur aber so etwas von zuwider. Unbekannten hoeflich Vortritt zu lassen ist nach chinesischen Massstaeben naemlich absolut nicht ein Zeichen von Anstand. Hier gilt immer noch die kommunistische Kantinenhackordnung, bei der Hoflichkeit der erste Schritt in Richtung Hungertod ist.

Egal in welcher Situation. Ob es beim Einsteigen in den Fahrstuhl oder die U-Bahn ist, wo jeder versucht einzusteigen, bevor der erste Fahrgast ausgestiegen ist, oder beim Ticketschalter, im Strassenverkehr oder sonstwo. Zuerst komm immer noch „ich“. Es kann einen mitunter schon mal zur Weissglut treiben, wenn da wieder ein Dame mittleren Alters sich schamlos vordraengt.

Fairerweise muss man erwaehnen, dass viele Chinesen mittlerweile realisiert haben, wie eng dieses Verhalten – so man sich gegenueber Auslaendern so verhaelt - mit dem Gesichtsverlust einer ganzen Nation verbunden ist. Und wenn der ein oder andere Chinese gar nichts hat, auf das er stolz sein kann, so bietet sich immer noch sein Vaterland an. So mancher reisst sich also in einem Anfall von Selbstbeherrschung kraeftig am Riemen. Meist handelt es sich dabei aber um die juengere Generation.

Das Gros der Chinesen muss man hin und wieder mit einem schroffen „Pai dui!“ (woertl. „richtig anstehen“) zurechtweisen. Denn das sind dann oft genau die selben Spassvoegel, die mit vor Stolz geschwellter Brust die Selbstbeweihraeucherung der angeblich zivilisiertesten Stadt Chinas intonieren.

Man sieht, ein endloses Thema, ueber das alleine ich ein Buch schreiben koennte. Deshalb stimmt mich das „Wunder vom Brotstand“ heute Morgen besonders weihnachtlich. Ein Stern ist aufgegangen und weist den Weg. Zum Ende der Warteschlange.
22.12.06 03:57
 



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