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Warum ich Instantkaffee trinke

Shanghai Grand Stage. Samstagabend, 19:30. Wir warten auf den grossen Auftritt von Wang Feng. Es ist ein hervorragender Monat fuer die Freunde der "Schaukelmusik".

Erst beehrten uns mit den "Igels" nach langer Durststrecke wieder einmal Musiker von internationalem Grossformat.  Auch wenn man ihnen die 40 Jahre Bandgeschichte ansah und sie ihren Job ueber weite Strecken im Sitzen erledigen mussten - es war ein sehenswerter Jungfern-Auftritt in der Volksrepublik.

Und heute Wang Feng mit gewagter Foehnfrisur! Einer der wenigen chinesischen Mainstream-Saenger, die auch mehr koennen als muede Konservenschnulzen zu traellern. Klassischer Rock auf Chinesisch. Und was soll man sagen, er rockt!

Unter den zigtausenden Zuschauern kann ich nur eine weitere Langnase erkennen. Und der verrueckte Auslaender in Lederjacke, der in der ersten Reihe oben an der Galerie steht und lauthals mitgroehlt, das bin ich.

Schnitt.

Xiamen, eine idyllische Stadt auf einer vorgelagerten Insel an der Taiwanstrasse. Das Aushaengeschild der Provinz Fujian besticht mit mediterranem Klima und die aus Kolonialzeiten stammende Architektur. 

Weniger bestechend bzw. gewoehnungsbeduerftig die lokale Kueche. Ich sitze am Tisch mit unseren Leuten aus Peking, Shanghai, 
Qingdao, Chongqing, Ningbo, Nanjing, Chengdu, Urumqi, Xi'an, Tianjin und der Gastgeberin. Niemandem schmeckts; keiner traut sich es auszusprechen.

Die Gesellschaft fluechtet sich in den Alkohol. Nicht, dass das bei gutem Essen anders gewesen waere. Kein chinesischer Schnaps heute, Dank sei dem Herrn. Saftglas um Saftglas, randvoll gefuellt mit Tsingtao-Bier, wird geleert.

Nachdem die traditionelle Reihenfolge nach Firmenorganigramm abgearbeitet ist werden wie immer aus dem Stegreif komplizierte Regeln und Sitten entworfen, wer mit wem wann anzustossen hat:

Hauptstadt mit Ex-Hauptstadt, regierungsunmittelbare Staedte unter sich, westchinesische und ostchinesische, Kuestenstaedte und Yangzi-Metropolen und so weiter und so fort.

Nach einer Stunde ist der Zauber vorbei. Ningbo liegt mit hochrotem Kopf unterm Tisch und ich muss im finalen Test mit 5 Promille alle Autos rueckwaerts ausparken, da man den Damen das auch im nuechternen Zustand nicht zutraut. Man zieht sich ins Hotel zurueck.

Schnitt.

Chongqing. Moloch in Zentralchina. Mit etwa 30 Millionen Einwohnern wohl die groesste Stadt der Welt. An den Oberlaeufen des Yangzi in eine Flussgabel gezwaengt mit einer stattlichen Skyline, die abends entfernt an Hongkong erinnert. Trotzdem ist diese Metropolis in Europa eher eine Unbekannte.

Ich sitze in einem hippen In-Lokal namens "Baumwollclub" im Stadtzentrum. Unser Stationsleiter mischt gerade die Getraenke. Bevor er zu uns wechselte hatte er diesen Laden eine zeitlang gemanaged. Jeder kennt ihn hier. Man nennt ihn den Buergermeister von Chongqing.

Drei Flaschen Scotch, eine Kiste isotonischer Getraenke und ein Eimer Eiswuerfel stehen auf dem Tisch. Ueberall sonst in China gibt es Chivas-Gruentee on the Rocks. In Chongqing wird der Gruentee durch ein Sportgetraenk ersetzt. Warum auch immer.

Die Wuerfelbecher sind jedoch auch hier allgegenwaertig. Die folgenden zwei Stunden verbringen wir mit dem ueblichen Wuerfelspiel. Wer verliert trinkt. Zu Wuerfeln ist eine hervorragende Methode, peinliche Gespraechspausen zu ueberbruecken. Nicht dass bei der lauten Live-Musik ueberhaupt ein gepflegtes Gespraech gefuehrt werden koennte.

Schnitt.

Sambia. Suedliches Afrika. Irgendwo im Busch zwischen Serenje und Mansa. Ich sitze auf dem Ruecksitz einer rostigen Corolla-Limousine. Nicht unbedingt der fahrbare Untersatz, den man sich in dieser Gegend wuenscht. Aber der Toyota laeuft und laeuft wie ein Volkswagen im Stadtverkehr.

Und das bereits seit zehn Stunden ohne Unterbruch. Die Fahrt von Lusaka nach Mansa war eine lange und triste und ueber weite Strecken ereignislose. Auch meinen Begleitern, zwei Chinesen und ein lokaler Fahrer, sind die Strapazen langsam anzumerken.

Doch die Wirkung der paar Dosen Red Bull, die wir in Serenje an der Tankstelle geleert hatten scheint langsam einzusetzen. Waehrend die Dunkelheit kurz vor Mansa einsetzt, stimmen meine zwei chinesischen Weggefaehrten aus voller Brust kommunistische Lieder an. Ich schliesse meine rollenden Augen.

Schnitt.

Shanghai. Sonntagnachmittag. Heute. Ich sitze im Wohnzimmer unseres Zweizimmer-Appartements in der 18. Etage einer Wohnanlage im Huangpu-Distrikt, traeume abwesend vor mich hin und schluerfe Kaffee. Instantkaffee.

Bereits seit Jahren habe ich meine Vorlieben diesbezueglich umgestellt. Heute ziehe ich eine Tasse Instantkaffee einem guten, alten Filterkaffee vor. Warum? Keine Ahnung! Genauso raetselhaft ist es, warum ich heute hier bin. Es hat sich so ergeben.

Haette mir vor zehn Jahren jemand die Zukunft vorausgesagt und mir geweissagt, wo ich heute sitze, wie ich lebe und was ich in den letzten Jahren gesehen habe, dann haette ich denjenigen schlichtweg fuer verrueckt erklaert. Instantkaffee, geh bitte!
27.3.11 08:01
 



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