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Mordillos "Fluechtlingscamp"

Um uns auf den Fruehling einzustimmen organisierte unsere Abteilung am Sonntag einen kleinen Grillausflug in einen Park im Norden der Stadt, weit oben im Yangpu-Distrikt an der Muendung des Huangpu. "To boldly go where no Laowai has gone before..." [Titelmelodie bitte selbst pfeifen]

Vollbepackt mit tollen Sachen, die das Leben schoener machen, ueberwanden wir die erste Tollstation am Westtor des Parks und drangen durchs Dickicht bis zur Grillzone vor. Auch hier war am Eingang wieder Wegzoll faellig, nun aber nicht nur pro Person sondern auch pro mitgebrachtem Gepaeck.

Bereits zu diesem Zeitpunkt kostete dieser Tag bereits mehr, als ein ansehnliches Dinner fuer sechs Personen. Ein Kollege wartete schon seit einer Stunde auf uns, er hatte den Kuerzeren gezogen, als es darum ging, wer rechtzeitig einen Claim stecken sollte. Eine Strategie, die sich als clever erweisen sollte.

Die "Grillzone" war eine kleine Lichtung inmitten von dichtem Gestruepp, etwa hundert Meter lang und zwanzig Meter breit. Dicht an dicht standen etwa 50-60 festgemachte, muschelfoermige Sitznischen mit jeweils vier eingebauten Metallhockern um einen runden Metalltisch, der gleichzeitig auch die Achse darstellte, um die sich die Muschel je nach Windrichtung drehen liess.

Vor den Tischen stand jeweils ein kleiner, rechteckiger Kohlengrill, angekettet wie ein trauriger Wachhund. Jede Grillstelle konnte durch Metallhocker und weitere mobile Kochstellen erweitert werden, das Equipment war an der "Rezeption" anzumieten und wurde ebenfalls wie der "Grillslot" per Stunde abgerechnet.

Es war gegen halb zehn, als wir Nummer 28 bezogen und meine Kollegen die ersten unbekuemmerten Versuche unternahmen, mit ein paar Hoelzchen, Zeitungspapier und einem kleinen Sack Brickets ein Feuer zu machen. Alles machte den Anschein, als wuerde dies zu einem ganz normalen, gemuetlichen Grilltag werden.

Zwei Stunden spaeter glaubte ich mich in ein Bild von Mordillo gebeamt. 

Die Grillzone gleicht einem Fluechtlingscamp. Auf der gesamten Lichtung ist kein Quadratzentimeter mehr unbesetzt. Ganz Shanghai scheint mit Kind und Kegel in diesen kleinen Teil des Parks zu draengen.

Handliche Griller schiessen wie Pilze aus dem Boden, Lagerfeuer werden dort aufgebaut wo man gerade eine freies Plaetzchen finden kann: inmitten der Menschenmenge, auf den Wegen, neben den Wegen, im Gestruepp, unter Baeumen, auf den Baeumen - egal! Hauptsache es qualmt. 

Rauchschwaden ziehen ueber den Platz, dass es in den Augen brennt und das Atmen schwer faellt. Kein einziges Radiogeraet ist angeschaltet und trotzdem herrscht ohrenbetaeubender Hust- und Partylaerm wie auf einem Festival. 

Eine einzige Menschenmasse, die zwei Dinge vereint: unbaendige Lust am Barbecue und absolutes Unwissen ueber die technische Ausfuehrung. Es ist, als haette man hundert Grundschulklassen mit einem Grill, einem Sack Holzkohle, einem Feuerzeug und ordentlich Fleisch ausgestattet, in einen Park gesperrt und gesagt: "Jetzt schauen wir mal, was passiert!"

Unsere Gesellschaft hat drei Einweggrillschalen direkt am Boden stehen und raeuchert Cordon Bleu ueber lauwarmen Brickets, waehrend ich mich, an einer Dose Cola nippend verfluche, dass ich meinen Jungs die Verantwortung fuer die Getraenke ueberlassen hatte.

Neben uns sammeln die Nachbarn freudig groehlend ihre Huehnerfluegel zwischen den gluehenden Kohlen vom Boden auf, da der Grill im Feuer des Gefechts umgekippt war. Immerhin sind die Fluegel bereits durch.

Zwei junge Herren stuermen mit Feuerloeschern vorbei, um weiter vorne einen Muelleimer zu loeschen, der lichterloh brennt, weil irgendjemand uebriggebliegene, gluehende Kohlen hineingeworfen hat.

Gleich daneben schreien zwei Frauen lautstark auf das Kind der Nachbarfamilie ein, weil dieses bereits seit fuenfzehn Minuten mit einer Seifenblasenmaschine spielt und eine sanfte Brise Millionen Seifenblasen ununterbrochen ueber den Platz und die brutzelnden Koteletts blaest.

An der "Viehtraenke" am Rand der Lichtung stehen dreissig Frauen Schulter an Schulter und waschen Gemuese, waehrend sich daneben bereits eine zwanzig Meter lange Schlange vor der Toilette bildet.

Mitten auf dem Platz, gleich da wo an einer Waescheleine die zehn Feuerloescher fuer den allgemeinen Gebrauch haengen, hantiert eine Gruppe junger Maenner mit einem Bunsenbrenner herum. Erst - relativ erfolglos -, um Brickets zum Gluehen zu bringen, dann - relativ erfolgreich -, um einen Schwarm Muecken durchs Camp zu jagen.

Mittlerweile sind bei uns alle drei Kochstellen in vollem Betrieb. Zugegeben, da wurde mit reichlich Speiseoel nachgeholfen, sowohl unterm Rost, als auch in den Aluschalen auf dem Rost. Das Cordon Bleu ist wohlpaniert, die Huehnerfluegel auf Speckstreifen sind ebenfalls servierfaehig.

Nur bei den Shrimps, die mein Kollege mit den Fischbaellen zusammen in einer Schale braet, haperts noch ein wenig. Hier muss kurzfristig interveniert werden, da die in Oel gebadete Aluminiumschale Feuer faengt und mit einer Halbmeterflamme die Gemueter erhitzt und uns panisch ins Schwitzen bringt.

Von irgendwoher weht ein angenehmer Duft von Jasmin durch die Luft, offensichtlich experimentiert am anderen Ende des Platzes eine Versuchsgemeinschaft mit Massageoel. Auch dies scheint als Zuendstoff seine Wirkung nicht zu verfehlen.

Von den Rauchschwaden und dem Jasminduft benebelt lehne ich mich zurueck, schliesse die Augen und schneide das Bild, das sich auf meine geroetete Netzhaut gebrannt hat und das ich bereits mit einem imaginaeren Stift mit "Mordillo" signiert habe, in 2000 Puzzleteile und setze es geduldig wieder zusammen.
11.4.11 09:47
 



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