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Vom Luft- und Platzhaben

Wir wir kuerzlich festgestellt hatten halten wir mittlerweile bei 23 Millionen Einwohnern in Shanghai. Shanghai Daily hat mich aber heute in der Mittagspause mit einer neuen Aufschluesselung wieder aufatmen lassen. Kurz.

Laut der neuesten Volkszaehlung lebe ich naemlich im Distrikt mit der drittwenigsten Bevoelkerungszahl. Nur drei der 18 Bezirke Shanghais haben weniger als 430.000 Einwohner. Und ich Glueckspilz lebe in einem davon! Welch Luxus! Gleichzeitig ist der Huangpu-Distrikt naemlich flaechenmaessig der kleinste.

Noch weniger aufatmen laesst gegenwaertig die Luftqualitaet. Dies war in den letzten Tagen leicht an der guten Sicht zu erkennen, die ungefaehr so klar war wie an einem starken Nebeltag in der Londoner City zu Zeiten 
Queen Victorias.

Auch diesbezueglich ist die Shanghai Daily uebrigens bestens informiert: seit Montag haelt sich die Luftqualitaet in Shanghai angeblich hartnaeckig auf 500. Ein historisches Hoch fuer Shanghai und die Welt - so lang so schlecht war die Luft wohl nirgends mehr seit der industriellen Revolution.

Auf 500 "was" wir halten weiss ich nicht, aber die Skala geht nur bis 500 und die Verschmutzung soll bereits ab 300 als "severe" eingestuft werden. Sehr beruhigend. Gluecklicherweise habe ich bis dato noch keine Atemprobleme - mein Riechkolben ist seit Tagen so frei wie noch nie.

Dies mag eventuell an der Ursache fuer die akute Luftverschmutzung liegen. Grund ist naemlich laut Experten nicht die Umweltproblematik in und um Shanghai sondern die Sandstuerme, die vom Norden des Landes und vom Meer (!!!) her wehen. Schuld sind also zweifelsohne die anderen.

Wie dem auch sei, Peeling soll ja hervorragend fuer die Haut sein. Und was der Haut gut tut sollte den Schleimhaeuten eigentlich auch nicht schaden. Hoffe ich.
4.5.11 07:49


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6,000 sind nicht genug!

Die Volkszaehlung im letzten Jahr hat ergeben, dass Shanghai mittlerweile zu einem stattlichen Grossdorf herangewachsen ist. 23 Millionen soll die Stadt beherbergen und jaehrlich um weitere 600,000 wachsen. So zumindest die Zuwachsrate der letzten Jahre.

Viel ueberraschender aber die Anzahl der Lanzhou-Nudellaeden, welche sich laut Statistik auf ueber 6,000 belaeuft. Wie "that's Shanghai" in ihrer Aprilausgabe schreibt, soll laut Halal-Kommittee die Flaechenabdeckung bereits soweit fortgeschritten sein, dass man sich gezwungen sieht, von Kommitteeseiten zumindest einen Mindestabstand von 400 Metern durchzusetzen.

Soweit die guten Nachrichten. Pessimistisch betrachtet bedeutet dies, dass ich den Nudelzieher meines Vertrauens mit 3833 weiteren Menschen teilen muss! Dachte mir schon, es waere etwas voll geworden in letzter Zeit.
2.5.11 04:44


Mordillos "Fluechtlingscamp"

Um uns auf den Fruehling einzustimmen organisierte unsere Abteilung am Sonntag einen kleinen Grillausflug in einen Park im Norden der Stadt, weit oben im Yangpu-Distrikt an der Muendung des Huangpu. "To boldly go where no Laowai has gone before..." [Titelmelodie bitte selbst pfeifen]

Vollbepackt mit tollen Sachen, die das Leben schoener machen, ueberwanden wir die erste Tollstation am Westtor des Parks und drangen durchs Dickicht bis zur Grillzone vor. Auch hier war am Eingang wieder Wegzoll faellig, nun aber nicht nur pro Person sondern auch pro mitgebrachtem Gepaeck.

Bereits zu diesem Zeitpunkt kostete dieser Tag bereits mehr, als ein ansehnliches Dinner fuer sechs Personen. Ein Kollege wartete schon seit einer Stunde auf uns, er hatte den Kuerzeren gezogen, als es darum ging, wer rechtzeitig einen Claim stecken sollte. Eine Strategie, die sich als clever erweisen sollte.

Die "Grillzone" war eine kleine Lichtung inmitten von dichtem Gestruepp, etwa hundert Meter lang und zwanzig Meter breit. Dicht an dicht standen etwa 50-60 festgemachte, muschelfoermige Sitznischen mit jeweils vier eingebauten Metallhockern um einen runden Metalltisch, der gleichzeitig auch die Achse darstellte, um die sich die Muschel je nach Windrichtung drehen liess.

Vor den Tischen stand jeweils ein kleiner, rechteckiger Kohlengrill, angekettet wie ein trauriger Wachhund. Jede Grillstelle konnte durch Metallhocker und weitere mobile Kochstellen erweitert werden, das Equipment war an der "Rezeption" anzumieten und wurde ebenfalls wie der "Grillslot" per Stunde abgerechnet.

Es war gegen halb zehn, als wir Nummer 28 bezogen und meine Kollegen die ersten unbekuemmerten Versuche unternahmen, mit ein paar Hoelzchen, Zeitungspapier und einem kleinen Sack Brickets ein Feuer zu machen. Alles machte den Anschein, als wuerde dies zu einem ganz normalen, gemuetlichen Grilltag werden.

Zwei Stunden spaeter glaubte ich mich in ein Bild von Mordillo gebeamt. 

Die Grillzone gleicht einem Fluechtlingscamp. Auf der gesamten Lichtung ist kein Quadratzentimeter mehr unbesetzt. Ganz Shanghai scheint mit Kind und Kegel in diesen kleinen Teil des Parks zu draengen.

Handliche Griller schiessen wie Pilze aus dem Boden, Lagerfeuer werden dort aufgebaut wo man gerade eine freies Plaetzchen finden kann: inmitten der Menschenmenge, auf den Wegen, neben den Wegen, im Gestruepp, unter Baeumen, auf den Baeumen - egal! Hauptsache es qualmt. 

Rauchschwaden ziehen ueber den Platz, dass es in den Augen brennt und das Atmen schwer faellt. Kein einziges Radiogeraet ist angeschaltet und trotzdem herrscht ohrenbetaeubender Hust- und Partylaerm wie auf einem Festival. 

Eine einzige Menschenmasse, die zwei Dinge vereint: unbaendige Lust am Barbecue und absolutes Unwissen ueber die technische Ausfuehrung. Es ist, als haette man hundert Grundschulklassen mit einem Grill, einem Sack Holzkohle, einem Feuerzeug und ordentlich Fleisch ausgestattet, in einen Park gesperrt und gesagt: "Jetzt schauen wir mal, was passiert!"

Unsere Gesellschaft hat drei Einweggrillschalen direkt am Boden stehen und raeuchert Cordon Bleu ueber lauwarmen Brickets, waehrend ich mich, an einer Dose Cola nippend verfluche, dass ich meinen Jungs die Verantwortung fuer die Getraenke ueberlassen hatte.

Neben uns sammeln die Nachbarn freudig groehlend ihre Huehnerfluegel zwischen den gluehenden Kohlen vom Boden auf, da der Grill im Feuer des Gefechts umgekippt war. Immerhin sind die Fluegel bereits durch.

Zwei junge Herren stuermen mit Feuerloeschern vorbei, um weiter vorne einen Muelleimer zu loeschen, der lichterloh brennt, weil irgendjemand uebriggebliegene, gluehende Kohlen hineingeworfen hat.

Gleich daneben schreien zwei Frauen lautstark auf das Kind der Nachbarfamilie ein, weil dieses bereits seit fuenfzehn Minuten mit einer Seifenblasenmaschine spielt und eine sanfte Brise Millionen Seifenblasen ununterbrochen ueber den Platz und die brutzelnden Koteletts blaest.

An der "Viehtraenke" am Rand der Lichtung stehen dreissig Frauen Schulter an Schulter und waschen Gemuese, waehrend sich daneben bereits eine zwanzig Meter lange Schlange vor der Toilette bildet.

Mitten auf dem Platz, gleich da wo an einer Waescheleine die zehn Feuerloescher fuer den allgemeinen Gebrauch haengen, hantiert eine Gruppe junger Maenner mit einem Bunsenbrenner herum. Erst - relativ erfolglos -, um Brickets zum Gluehen zu bringen, dann - relativ erfolgreich -, um einen Schwarm Muecken durchs Camp zu jagen.

Mittlerweile sind bei uns alle drei Kochstellen in vollem Betrieb. Zugegeben, da wurde mit reichlich Speiseoel nachgeholfen, sowohl unterm Rost, als auch in den Aluschalen auf dem Rost. Das Cordon Bleu ist wohlpaniert, die Huehnerfluegel auf Speckstreifen sind ebenfalls servierfaehig.

Nur bei den Shrimps, die mein Kollege mit den Fischbaellen zusammen in einer Schale braet, haperts noch ein wenig. Hier muss kurzfristig interveniert werden, da die in Oel gebadete Aluminiumschale Feuer faengt und mit einer Halbmeterflamme die Gemueter erhitzt und uns panisch ins Schwitzen bringt.

Von irgendwoher weht ein angenehmer Duft von Jasmin durch die Luft, offensichtlich experimentiert am anderen Ende des Platzes eine Versuchsgemeinschaft mit Massageoel. Auch dies scheint als Zuendstoff seine Wirkung nicht zu verfehlen.

Von den Rauchschwaden und dem Jasminduft benebelt lehne ich mich zurueck, schliesse die Augen und schneide das Bild, das sich auf meine geroetete Netzhaut gebrannt hat und das ich bereits mit einem imaginaeren Stift mit "Mordillo" signiert habe, in 2000 Puzzleteile und setze es geduldig wieder zusammen.
11.4.11 09:47


Louis Waitton

Beim Nachmittagsspaziergang auf der Huaihai Road, einer der Topp-Einkaufsmeilen der Stadt, staunten wir gestern nicht schlecht, als wir vor dem Eingang zum Flagshipstore von Louis Vuitton eine Warteschlange antrafen.

Normalerweise widme ich diesen Nobellaeden mit den unerschwinglichen Preisen, die sich auf dieser Strasse in letzter Zeit mit immer groesseren und noch groesseren Filialen ins Stadtbild pflanzen ja keines zweiten Blickes.

Aber heute waren wir neugierig wie es sich fuer echte Shanghaier so gehoert und pfluegten uns durch die Traube am Vorplatz an der Schlange vorbei zum Eingang, um einen Blick durch die Glastuer werfen zu koennen. So weit mussten wir aber dann gar nicht gehen, dass wir unsere Nasen an der Scheibe plattdruecken haetten muessen.

Denn direkt am Eingang standen eine Hostess und ein Security neben einem Schild vor dem die Allerseelenshopper brav eine Schlange bildeten, die fast schon einen Londoner stolz gemacht haette. Ein Schild?

Auf diesem Schild der Hinweis, dass Louis Vuitton die Servicequalitaet auf gewohntem Level halten moechte und daher nur einer begrenzten Anzahl an Gaesten Zutritt gewaehrt.

Und tatsaechlich, die Tuer oeffnete sich, zwei Chinesen kamen raus, die naechsten zwei durften rein. Der dritte der Dreiergruppe hatte Pech und musste auf den naechsten freien Slot warten. Wie weiland in der Disko.

Da koennte sich der Apfelflaggschiffladen nebenan ein Scheibchen abschneiden.
6.4.11 17:45


Sturm auf Schweden

In China ist wieder einmal Feiertag. Und zwar das chinesische Pendant zu Alleseelen. Was fuer mich konkret bedeutet, eine Samstagsschicht einzuschieben und dafuer Montag und Dienstag frei zu haben.

Allerseelen (Qingming Jie) bedeutet im Normalfall auch, dass es den hier gastgebenden Bevoelkerungsanteil in die Aussenbezirke zieht um Familiengraeber zu besuchen und Papiergeld und Raeucherstaebchen zu verbrennen.

Dieser Exodus sorgt erfahrungsgemaess fuer ein entspanntes verlaengertes Wochenende in der City, was mich dazu veranlasste, mir uebers Wochenende den Firmenwagen zu leihen um mir bei Ikea ein paar Regale fuer unsere ueberlaufende Raubkopiesammlung zu besorgen.

Nichts boeses ahnend rollten wir also gegen ein Uhr mittags auf dem 
Elevated Highway Richtung Xuhui-Distrikt, vorbei am Shanghai Stadium und hin zum nordischen Moebelcenter. Als wir schliesslich die wirre Kreuzung vor dem Zielort durchschifft hatten und in die Hintergasse zur Einfahrt zum Parkhaus kamen trauten wir unseren Augen nicht.

Die Schranke war unten, das Parkhaus wegen Ueberfuellung geschlossen und vor der Einfahrt bildete sich bereits eine mehrere Hundert Meter lange, zweispurige Schlange, in die zig Autos aus der Gegenrichtung versuchten einzuschneiden.

Kurzum beschlossen wir die Sache mit dem schwedischen Billigeinrichtungshaus zu vertagen, am Chaos vorbeizurollen, einen reifenquietschenden U-Turn zu vollziehen und uns eine 60-Minuten-Fussmassage zu genehmigen.

Wieder einmal hatte ich die Lage voellig falsch eingeschaetzt, dabei war der Ansturm auf das skandinavische Aushaengeschild fuer einen Mitdenker doch relativ leicht zu antizipieren.

Von meinen frueheren qualvollen Ausfluegen ins blaugelbe 1-Yuan-Hotdog-Center mit Moebelbeilage haette mir eigentlich bekannt sein sollen, dass Ikea in China vorrangig als Familienausflugsziel und Picknickwiese herhalten muss und dort ausgiebig und stundenlang Betten getestet werden.

Die Vermutung liegt daher nahe, dass im vergangenen Jahr besonders viele aeltere Familienmitglieder einfach in der Bettenabteilung vergessen wurden, waehrend sich die ungeduldige Jugend bereits gierig ueber die Fleischbaellchen am Eingang hergemacht hatte.

Und jetzt zu Allerseelen, der Jahreszeit wo der Mondkalender vorschreibt, sich seiner Ahnen zu erinneren und gedenken und ihnen den gebuehrenden Respekt zu zollen, ja jetzt faellt einem wieder ein, dass diese nicht draussen in den Friedhoefen vor der Stadt ruhen, sondern ganz nah bei uns auf weichen, schwedischen Betten lagern.
4.4.11 11:01


Warum ich Instantkaffee trinke

Shanghai Grand Stage. Samstagabend, 19:30. Wir warten auf den grossen Auftritt von Wang Feng. Es ist ein hervorragender Monat fuer die Freunde der "Schaukelmusik".

Erst beehrten uns mit den "Igels" nach langer Durststrecke wieder einmal Musiker von internationalem Grossformat.  Auch wenn man ihnen die 40 Jahre Bandgeschichte ansah und sie ihren Job ueber weite Strecken im Sitzen erledigen mussten - es war ein sehenswerter Jungfern-Auftritt in der Volksrepublik.

Und heute Wang Feng mit gewagter Foehnfrisur! Einer der wenigen chinesischen Mainstream-Saenger, die auch mehr koennen als muede Konservenschnulzen zu traellern. Klassischer Rock auf Chinesisch. Und was soll man sagen, er rockt!

Unter den zigtausenden Zuschauern kann ich nur eine weitere Langnase erkennen. Und der verrueckte Auslaender in Lederjacke, der in der ersten Reihe oben an der Galerie steht und lauthals mitgroehlt, das bin ich.

Schnitt.

Xiamen, eine idyllische Stadt auf einer vorgelagerten Insel an der Taiwanstrasse. Das Aushaengeschild der Provinz Fujian besticht mit mediterranem Klima und die aus Kolonialzeiten stammende Architektur. 

Weniger bestechend bzw. gewoehnungsbeduerftig die lokale Kueche. Ich sitze am Tisch mit unseren Leuten aus Peking, Shanghai, 
Qingdao, Chongqing, Ningbo, Nanjing, Chengdu, Urumqi, Xi'an, Tianjin und der Gastgeberin. Niemandem schmeckts; keiner traut sich es auszusprechen.

Die Gesellschaft fluechtet sich in den Alkohol. Nicht, dass das bei gutem Essen anders gewesen waere. Kein chinesischer Schnaps heute, Dank sei dem Herrn. Saftglas um Saftglas, randvoll gefuellt mit Tsingtao-Bier, wird geleert.

Nachdem die traditionelle Reihenfolge nach Firmenorganigramm abgearbeitet ist werden wie immer aus dem Stegreif komplizierte Regeln und Sitten entworfen, wer mit wem wann anzustossen hat:

Hauptstadt mit Ex-Hauptstadt, regierungsunmittelbare Staedte unter sich, westchinesische und ostchinesische, Kuestenstaedte und Yangzi-Metropolen und so weiter und so fort.

Nach einer Stunde ist der Zauber vorbei. Ningbo liegt mit hochrotem Kopf unterm Tisch und ich muss im finalen Test mit 5 Promille alle Autos rueckwaerts ausparken, da man den Damen das auch im nuechternen Zustand nicht zutraut. Man zieht sich ins Hotel zurueck.

Schnitt.

Chongqing. Moloch in Zentralchina. Mit etwa 30 Millionen Einwohnern wohl die groesste Stadt der Welt. An den Oberlaeufen des Yangzi in eine Flussgabel gezwaengt mit einer stattlichen Skyline, die abends entfernt an Hongkong erinnert. Trotzdem ist diese Metropolis in Europa eher eine Unbekannte.

Ich sitze in einem hippen In-Lokal namens "Baumwollclub" im Stadtzentrum. Unser Stationsleiter mischt gerade die Getraenke. Bevor er zu uns wechselte hatte er diesen Laden eine zeitlang gemanaged. Jeder kennt ihn hier. Man nennt ihn den Buergermeister von Chongqing.

Drei Flaschen Scotch, eine Kiste isotonischer Getraenke und ein Eimer Eiswuerfel stehen auf dem Tisch. Ueberall sonst in China gibt es Chivas-Gruentee on the Rocks. In Chongqing wird der Gruentee durch ein Sportgetraenk ersetzt. Warum auch immer.

Die Wuerfelbecher sind jedoch auch hier allgegenwaertig. Die folgenden zwei Stunden verbringen wir mit dem ueblichen Wuerfelspiel. Wer verliert trinkt. Zu Wuerfeln ist eine hervorragende Methode, peinliche Gespraechspausen zu ueberbruecken. Nicht dass bei der lauten Live-Musik ueberhaupt ein gepflegtes Gespraech gefuehrt werden koennte.

Schnitt.

Sambia. Suedliches Afrika. Irgendwo im Busch zwischen Serenje und Mansa. Ich sitze auf dem Ruecksitz einer rostigen Corolla-Limousine. Nicht unbedingt der fahrbare Untersatz, den man sich in dieser Gegend wuenscht. Aber der Toyota laeuft und laeuft wie ein Volkswagen im Stadtverkehr.

Und das bereits seit zehn Stunden ohne Unterbruch. Die Fahrt von Lusaka nach Mansa war eine lange und triste und ueber weite Strecken ereignislose. Auch meinen Begleitern, zwei Chinesen und ein lokaler Fahrer, sind die Strapazen langsam anzumerken.

Doch die Wirkung der paar Dosen Red Bull, die wir in Serenje an der Tankstelle geleert hatten scheint langsam einzusetzen. Waehrend die Dunkelheit kurz vor Mansa einsetzt, stimmen meine zwei chinesischen Weggefaehrten aus voller Brust kommunistische Lieder an. Ich schliesse meine rollenden Augen.

Schnitt.

Shanghai. Sonntagnachmittag. Heute. Ich sitze im Wohnzimmer unseres Zweizimmer-Appartements in der 18. Etage einer Wohnanlage im Huangpu-Distrikt, traeume abwesend vor mich hin und schluerfe Kaffee. Instantkaffee.

Bereits seit Jahren habe ich meine Vorlieben diesbezueglich umgestellt. Heute ziehe ich eine Tasse Instantkaffee einem guten, alten Filterkaffee vor. Warum? Keine Ahnung! Genauso raetselhaft ist es, warum ich heute hier bin. Es hat sich so ergeben.

Haette mir vor zehn Jahren jemand die Zukunft vorausgesagt und mir geweissagt, wo ich heute sitze, wie ich lebe und was ich in den letzten Jahren gesehen habe, dann haette ich denjenigen schlichtweg fuer verrueckt erklaert. Instantkaffee, geh bitte!
27.3.11 08:01


Wasserwege

Es ist fast schon romantisch, dieses Ambiente. Aber eben nur fast. Freitagnachmittag, eine schier endlose Besprechung mit einem Kunden in Yuyao in der Provinz Zhejiang liegt hinter mir.

Mit den letzten fruehlingshaft warmen Sonnenstrahlen, die zu meiner Linken im dicken Smog verschwinden, pfluege ich in noerdliche Richtung ueber die Hangzhou Bucht zurueck nach Shanghai, wo mein Feierabendbier in unserer Stammkneipe bereits kuehlgestellt bereit steht. Die froehliche Stunde ruft.

In der Ferne kann ich bereits den Hafen Zhapu am Horizont erkennen. Land in Sicht. Noch ca. 20 Kilometer bis zur Kueste. Ich lehne mich zurueck und stelle mir vor am Bug einer Dschunke zu stehen und nicht im Fond eines Buick-Vans zu sitzen. Die 35 Kilometer lange Bruecke unter mir versuche ich ebenfalls auszublenden. Mit wenig Erfolg.
25.3.11 10:54


Saltless City

Der Fruehling steht vor der Tuer und wer die Ereignisse der letzten zwei Wochen in den Medien verfolgt hat weiss, dass in Ostasien derzeit nicht nur die warme Maerzsonne strahlt.

An der chinesischen Ostkueste sind wir aufgrund guenstiger Windrichtung bislang zwar noch ausser Reichweite der Wolke, ganz kalt laesst es die Massen jedoch nicht. Wie man hoert sammeln sich bereits die ersten Lemminge zur kollektiven Panikmache.

Jodtabletten, Gesichtsmasken und Ganzkoerperschutzanzuege sind auf Taobao, der chinesischen Shoppingseite, die einfach alles hat, entweder bereits ausverkauft oder werden zu halsschneiderischen Preisen vertickert.

Jodtabletten hat uns unser Generalkonsulat bereits auf naechste Woche versprochen, da sind wir also beruhigt, aber ein ganz anderes Produkt macht uns kurioserweise derzeit viel mehr Sorgen: es gibt kein Salz mehr zu kaufen in diesem Land!

Irgendwie scheint sich das Geruecht in die Welt gesetzt zu haben, dass aufgrund des Ausstosses von Radioaktivitaet in Japan das Meerwasser verseucht wird, was zu einer Verknappung des brauchbaren Salzvorrats fuehren soll. Oder irgendwie sowas in diese Richtung.

Folge: vergangene Woche sind die Leute in Shanghai und anderen Regionen Chinas wie die Heuschrecken ueber Lebensmittellaeden hergefallen und haben mit Hamsterkaeufen die Ladenregale jeglichen Speisesalzes beraubt.

Das Essen duerfte geschmacklich wohl etwas fad werden in naher Zukunft.
19.3.11 09:06


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